Stalinismus. Wissenschaftliche und politische Aspekte
Ein Rückblick von Dr. Wladislaw Hedeler auf ausgewählte, seit März 2016 erschienene Publikationen - Beitrag für die Tagung der Historischen Kommission
Diskussionen über den Stalinismus sind nach wie vor Diskussionen über den Stalinismus im engeren und im weiteren Sinne. Publikationen über Stalin und den Stalinismus erschienen anlässlich folgender Jahrestage im Zeitraum 2016-2026:
- Lenins Geburtstag 1870 (2020 – 150 Jahre)
- Stalins Geburtstag 1879 (2009 – 130 Jahre; 2019 – 140 Jahre; 2023 – 145 Jahre)
- Februarrevolution 1917 (2017 – 100 Jahre)
- Oktoberumsturz der Bolschewiki 1917 (2017 – 100 Jahre)
- Gründungskongress der Kommunistischen Internationale 1919 (2019 – 100 Jahre)
- II. Kongress der Kommunistischen Internationale 1920 (2020 – 100 Jahre)
- Lenins Todestag 2024 (1924 – 100 Jahre)
- Moskauer Schauprozesse 1936, 1937 und 1938[1]
- Sieg über Nazideutschland 1945 (80 Jahre)
- Stalins Todestag 1953 (2023 – 70 Jahre)
- Chrustschows Rede in der geschlossenen Sitzung des 20. Parteitages – 1956
- 3. Parteikonferenz der SED – 1956
Im Mittelpunkt der Debatten standen drei Fragestellungen:
- ob von Stalinismus auch nach Stalins Tod gesprochen werden kann,
- ob, eine Absage an den Stalinismus auch eine Absage an den Leninismus zur Folge haben müsste,
- welche Rolle „Stalins Mannschaft“ zukommt.
Zu 1 (Gab es Stalinismus nach Stalins Tod?)
Wolfgang Ruge (1917-2006) hatte diese Frage 1990 in einem 2020 von Renate Hürtgen (geb. 1947) neuaufgelegtem Buch[2], dass sie als „Stück Zeitgeschichte“ würdigte, aufgeworfen. Bereits während einer 1991 stattgefundenen Buchvorstellung von Wolfgang Ruges „Stalinismus – eine Sackgasse im Labyrinth der Geschichte“[3] und in den von Heinz Niemann (geb. 1936) 1989/90 an der Humboldt-Universität gehaltenen „Vorlesungen über den Stalinismus“[4] wurde Kritik an einigen Ausführungen von Wolfgang Ruge laut.
Heute gehört Jörg Baberowski (geb. 1961), seit 2002 Professor für osteuropäische Geschichte an der Berliner Humboldt Universität, zu den Historikern, die ähnlich wie Wolfgang Ruge argumentieren und den Stalinismus auf Stalins Lebzeiten begrenzen. „Stalins Ende ist auch das Ende des Stalinismus.“[5]
Jörg Baberowskis Begründung unterscheidet sich grundsätzlich von der Wolfgang Ruges, der die DDR als Beispiel für einen besseren Sozialismus zu verteidigen suchte.[6] „Trotz seiner Anlehnung an das sowjetische Modell war der epigonale Stalinismus (erst recht der epigonale Poststalinismus) osteuropäischen Typs somit sowohl seiner Qualität als auch seinen Folgen nach ein wesentlich andersgeartetes Phänomen als die diktatorische Herrschaft Stalins in den Endzwanziger-, Dreißiger- und Vierzigerjahren.“[7] Der Kult um Stalin in der DDR war ein Thema in der 2018 gezeigten Ausstellung „Der rote Gott. Stalin und die Deutschen“[8]
Zu 2 (Muss eine Absage an den Stalinismus auch eine Absage an den Leninismus sein)
Michael Brie stellte am 20. April 2013 die These zur Diskussion, dass eine Absage an den Stalinismus auch eine Absage an den Leninismus zur Folge haben müsste.[9]
„Der Leninismus war das ideologisch geleitete Projekt der Umgestaltung der Gesellschaft in eine kommunistische Gemeinwirtschaft. Dies macht seine Größe aus und beschreibt die Tragödie des welthistorischen Scheiterns jener, die oft mit höchster Selbstaufopferung und unglaublicher Disziplin dieser Idee ihr Leben gewidmet hatten. Ein solcher Sozialismus konnte bei bestem Willen und Mühen nicht emanzipatorisch und demokratisch sein oder werden.“
Zu den Philosophen, die zum Thema Gemeinschaft-Gesellschaft publizierten, gehörten Peter Ruben (1933-2024) und die Mitautoren des Sozialismus-Projektes Rainer Land (geb. 1952) und Dieter Segert (geb. 1952).
Zu den Historikern, die dieses Diskussionsangebot aufgriffen, gehört u.a. Christoph Jünke (geb. 1964). 2017 legte er die von der Rosa-Luxemburg-Stiftung geförderte Anthologie „Marxistische Stalinismus-Kritik im 20. Jahrhundert“, eine Sammlung „alter Erkenntnisse“, die eine sachliche Debatte über den Stalinismus-Begriff befördern sollte.[10] Produktive Stalinismuskritik könne nur jenseits „universitärer Tischsitten“ und „gesamtdeutscher linker intellektueller Traditionspflege“ erfolgen, um erfolgreich zu sein. Christoph Jünkes Appell – mit Blick auf das von ihm unterbreitete Diskussionsangebot – lautete: Eine Debatte über das Verhältnis von Leninismus und Stalinismus kann nur dann produktiv sein, wenn sie die Widersprüche aushält, die sich in einer sich pluralistisch entfaltenden Gesellschaftswissenschaft ausbilden. Von einer derartigen Debatte ist die Linke seiner Meinung nach jedoch weit entfernt, da sie die Unterdrückung antistalinistischer Kritik duldet, die wenigen Kritiker – zu denen auch der Herausgeber gehört – belächelt und die Beschönigung oder gar Lobpreisung von Stalins Taten toleriert.
Kritisch anzumerken ist, da die Anthologie nur Texte aus den Jahren 1928 bis 1982 enthält – dass offen bleibt, was die „Archivrevolution in der Russischen Föderation“ an Dokumenten und auf deren Auswertung gründenden neuen Erkenntnissen – u.a. über Stalins Opponenten[11] – an den Tag gebracht hat.
Die „russische Debatte“, die der Herausgeber offensichtlich nur aus der Sekundärliteratur kennt, blendet er aus. Bedauerlich ist auch, dass Autoren wie Nikita Petrow (geb. 1957) oder Oleg Chlewnjuk (geb. 1959) – sie gehören zu jenen, deren Arbeiten über Stalin[12] und dessen Vasallen[13] in deutscher Übersetzung vorliegen – von Christoph Jünke nicht berücksichtigt worden sind. Dass in Russland publizierte Texte an der Sprachbarriere scheitern, ist mit Blick auf linke Analysen leider schon ein Allgemeinplatz.
Die „russische Debatte“, das zeigten die 2017 zum Revolutionsgeschehen 1917 veröffentlichten Texte, blendete nicht nur Jünke aus. Auch Renate Hürtgen kommentierte sie im Vorwort zur erwähnten Neuausgabe von Wolfgang Ruge: Stalinismus – Sackgasse im Labyrinth der Geschichte. Berlin: Die Buchmacherei 2020, 192 S. nicht.[14] Diese Kritik ließe sich auch mit Blick auf die in Österreich veröffentlichte Lenin-Biographie sich links verortender Autoren fortsetzen.[15]
zu 3. Stalins Mannschaft
Ein drittes Thema ist „Stalins Mannschaft“, (Sheila Fitzpatrick)[16] hervorgegangen aus der sog. Revisionismusdebatte, der Diskussion nach dem Stellenwert des Terrors von unten.[17] Gleich zu Beginn ihrer Studie weist die Verfasserin darauf hin, dass sie nicht die für die Funktionsweise des Systems wichtigen informellen Arbeitsgruppen untersucht, also jene Personen unter die Lupe nimmt, die zu den Beratungen in Stalins Kabinett hinzugezogen wurden. Deren Namen und Tätigkeitsgebiete können dem Journal der Besucher in Stalins Kabinett entnommen werden. Oleg Chlewnjuk hat beschrieben, zu welchen Fragen Stalin diese informellen Arbeitsgruppen konsultierte. Sheila Fitzpatrick interessiert sich mehr für das Milieu, in dem Stalin und seine Getreuen lebten, die je nach Situation und Zeit mal als „Mannschaft“, „Truppe von Rivalen“, „Führungsriege“ oder „kollektives Führungsorgan“ beschrieben werden.
2017 – Ein Revolutionsjahr und die Folgen
In Anbetracht der zur Verfügung stehenden Zeit möchte ich hier lediglich auf die der 100. Wiederkehr der russischen Revolutionen 1917 gewidmeten Literaturberichte verweisen. Unter dem Leitthema „2017 – Ein Revolutionsjahr und die Folgen“ ging es auch mir darum, die während Stalins Herrschaft vernichteten und unterdrückten Ansätze einer Erneuerung Russlands und den Wechsel von Lenin zu Stalin zu untersuchen.[18] Bis 2022 waren die russischen Archive noch offen, seit dem Krieg gegen die Ukraine bleibt nur noch der Rückgriff auf zuvor veröffentlichte russische Dokumenteneditionen.
Welcher Art die offizielle Erinnerung an die russischen Revolutionen vor 100 Jahren 2017 sein würden, war lange Zeit ungewiss. Weder eine Erinnerung an die bürgerliche Februarrevolution noch die an den bolschewistischen Umsturz im Oktober passte in das von der Putin-Administration vertretene Geschichtsbild.
Die Partei „Die Linke“ hat in einem langwierigen programmatischen Selbstfindungsprozess die „welthistorische Bedeutung der Oktoberrevolution“ 2003 aus ihrem Programm gestrichen und der von Lenin u.a. in „Was tun?“ begründeten Weltanschauungspartei „neuen Typs“ eine Absage erteilt.[19] Wie leben die Februar-Revolution und der Oktoberumsturz in der „Mosaiklinken“ weiter? Als Geschichte des Scheiterns, sagen die einen, als bleibende Herausforderung, die anderen.
Zu den interessanten Diskussionsangeboten gehören die von Jörn Schütrumpf (geb. 1956) herausgegebenen Texte von Manfred Kossok (1930-1993) über die „Periphere Revolution“[20] und die Vorworte von Hermann Klenner (geb. 1926) und Wolfgang Küttler (1936-2024) zur Neuausgabe von Lenins „Der Marxismus über den Staat; Staat und Revolution“.[21]
Hermann Klenner wies u.a. auf von Lenin ausgeklammerte Themen wie Bürgerrechte hin: „In Lenins „Staat und Revolution“ spielen die Rechte des Einzelnen eine kleine oder keine Rolle. Lenin war Jurist, wusste also, wovon er sprach, wenn er von etwas nicht sprach. Bereits seine Definition der Diktatur als „eine unbeschränkte, außergesetzliche, sich auf Gewalt im direkten Sinne des Wortes stützende Macht“,[22] als eine „durch keine Gesetze (Hervorg. H.K.) eingeengte Macht“[23] ist wenig geeignet, ein Verständnis für das Staats- und Verfassungsrecht als vinculum juris, als ein wechselseitig mit Rechten und Pflichten versehenes Verhältnis zwischen Staatsorganen und Staatsbürgern zu ermöglichen. Seine Legalitätskonzeption: „Über ‚doppelte’ Unterordnung und Gesetzlichkeit“)[24] enthält lediglich die Forderung, dass die Gesetze für ganz Russland einheitlich sein müssen; sie umgeht aber die Erkenntnis, dass Gesetzlichkeit zunächst (oder zumindest auch!) die Bindung aller staatlichen Eingriffe in das Leben der Bürger an Gesetze bedeutet. Wird aber das Recht einseitig oder gar ausschließlich als Mittel von Macht gesehen und benutzt, vergisst sich leicht, dass es seine Rechtsqualität einbüßt, wenn es ihm verwehrt bleibt, auch als Maß von Macht zu wirken. Wo keine subjektiven Rechte sind, da gibt es eigentlich auch kein objektives Recht. Wo Gesetzlichkeit nur verstanden wird als strikte Befolgung der Obrigkeitsanordnungen durch das Volk statt auch als Anspruch der die Staatsgewalt konstituierenden Bürger auf nur gesetzlich geregelte Eingriffsmöglichkeiten der Obrigkeit in die Freiheitssphäre eben dieser Bürger, ist die Staatsgewalt jedenfalls nicht vergesellschaftet.
Die bis zur Auflösung der Rechtsform reichende Geringschätzung des Rechts zeigte sich während Russlands Revolution auch in den verschiedenen Versuchen, dessen differentia specifica zu bestimmen. In der Präambel zu dem vom Volkskommissariat für Justiz beschlossenen „Grundlagen des Strafrechts“ vom Dezember 1919 hieß es, dass das bewaffnete Proletariat im Kampf mit seinen Klassenfeinden ohne Regeln und System diese oder jene Zwangsmaßnahme, von Fall zu Fall und unorganisiert angewandt habe. Folgerichtig definierte der zeitweilige Volkskommissar für Justiz und spätere Vorsitzende des Obersten Gerichts der RSFSR, der bedeutende Rechtswissenschaftler Peteris Stutschka (1865-1932), das Recht nicht als ein System von Normen zur Beseitigung, Aufrechterhaltung oder Herbeiführung bestimmter Gesellschaftsverhältnisse, sondern identifizierte es mit den Gesellschaftsverhältnissen selbst: „Das Recht ist ein System (oder eine Ordnung) gesellschaftlicher Verhältnisse, das den Interessen der herrschenden Klasse entspricht und daher von ihrer organisierten Macht (dem Staat) aufrechterhalten wird“.[25] Für Michail Andrejewitsch Reissner (1868-1928), vorübergehend Stellvertreter des Justizkommissars der RSFSR und später Professor an Moskaus Universität, war das Klassenrecht des Proletariats ein intuitives und kein Gesetzesrecht.[26] Das Kollegiumsmitglied des Justizkommissariats der RSFSR Alexander Grigorjewitsch Gojchbarg (1883-1962) bezeichnete in einer (von ihm auch so benannten) antirechtlichen Kampagne Rechtsnormen als bloße Zweckmäßigkeitsregeln des Staates.[27]
Ein sozialismusgemäßes Recht ist jedoch kein austauschbares Sortiment beliebiger Verhaltensanweisungen. Das Selbstbestimmungsrecht des Volkes ist nämlich ohne ein Selbstbestimmungsrecht seiner Bürger nicht zu haben. Insoweit den Staatsbürgern keine subjektiven Rechte gegenüber dem Staat zugebilligt sind, ist auch das Volk nur Objekt des Rechts, und der Staat ein Obrigkeitsstaat, was immer seine sonstige Zielstellung.“[28]
Für die Stalinismusdiskussion wichtige, im Umfeld der Diskussionen 2017 veröffentlichte Untersuchungen, betrafen u.a.:
- Das linke Parteienspektrum in Russland im Jahre 1917. Es gibt Editionen programmatischer Dokumente der Anarchisten, Sozialisten-Revolutionäre, Bundisten und Menschewiki, die heute zusammen mit denen Lenins und der Bolschewiki gelesen und ausgewertet werden können. Im Programm des Karl Dietz Verlages gibt es Publikationen dazu.[29]
- Die Rückkehr von über 500 Emigranten von Februar bis zum Sommer 1917, darunter viele Funktionsträger der genannten Parteien, nach Russland, und deren Versuche, die Kräfte der revolutionären Demokratie zu bündeln.[30] In der Reihe Biografische Miniaturen des Karl Dietz Verlages sind einige vorgestellt worden Alexandra Kollontai, Julij Martow[31], Karl Radek[32], Leo Trotzki[33]. Dass das Interesse an Lenin und Stalin anhält, zeigen die in 2. Auflage erschienenen Miniaturen.[34]
- Das Verhältnis von (a) Revolution und Reform, (b) Die Gestaltung der Bündnispolitik und (c) Das Problem der „revolutionären Demokratie“. Was mit aller Deutlichkeit hervortritt, ist, dass bis 1922 eine russische Rezeptionslinie des Marxismus durch Lenin und die Bolschewiki gezielt und massiv unterdrückt wurde.
Später kamen – Jubiläumsbedingt – Publikationen über die Anfänge der Komintern[35] sowie Familienschicksale von in die Sowjetunion emigrierten Hitlergegnern hinzu.[36]
Die vom AK Sowjetexil initiierte Ausstellung „’Ich kam als Gast in euer Land gereist …’ Deutsche Hitlergegner als Opfer des Stalinterrors. Familienschicksale 1933-1956“[37]war von 2013 bis 2020 in Belgien, Frankreich, Kasachstan und in vier Städten der Russischen Föderation zu sehen. In der BRD waren es 18 Orte, in 9 Bundesländern (Baden-Württemberg, Berlin, Brandenburg, NRW, Rheinland-Pfalz, Sachsen, Sachsen-Anhalt, Schleswig-Holstein, Thüringen). Die Forschungen konnten hinsichtlich der Schicksale in Deutschland und in der Sowjetunion vertieft werden.[38] In Memoiren und Romanen stellvertretend seien Sergej Lochthofen (geb. 1953) und Waltraud Schälike (1927-2021) genannt, wurden die Familiengeschichten, das war ein Novum, bis zur Rückkehr in die DDR nachgezeichnet.
In diesem Zusammenhang sei auf die von Ilko-Sascha Kowalczuk (geb. 1967) verfasste Ulbricht-Biographie (2023/24 1. Auflage) hingewiesen, die innerhalb kurzer Zeit drei Auflagen erlebte.[39]
Leider bricht Wolfgang Ruge seine Erinnerungen mit der Ankunft in der DDR und der Arbeit am Institut für Geschichte (IfG) der Deutschen Akademie der Wissenschaften in Ostberlin ab. Rezensenten haben hierauf zu Recht mit Bedauern hingewiesen. „Wie und um welchen Preis der Selbstverleugnung sich ein Mensch mit diesen Erfahrungen in die Gesellschaft und das wissenschaftliche Milieu der DDR integrieren konnte, wie etwa auch die späteren wissenschaftlichen Interessen mit der Lebensgeschichte Zusammenhängen, dies würde der Leser doch gern erfahren“, merkte z. B. der Österreicher Peter Stachel an.
2012/2013 ff. war der Buchmarkt voller Antworten: Herausgeber wie Maik Hamburger[40], Sonja-Friedmann Wolf[41], Waltraud Schälike oder Sergej Lochthofen[42] haben sich dieser Herausforderung gestellt. Wie spiegelte sich das in den Bildungsangeboten der RLS- und der Landesstiftungen wider?
Die drei Jahre – von 2010 bis 2013 – währende Auseinandersetzung im Parteivorstand der LINKEN um den vom AK Sowjetexil eingebrachten Vorschlag, eine Gedenktafel für die Opfer des stalinistischen Terrors unter deutschen Kommunisten an der Fassade des Karl-Liebknecht-Hauses anzubringen, zeigte, dass sich an der Polarisierung der unter Linken vertretenen Standpunkte nichts geändert hat.
Unter Berliner Linken war man sich uneins, wie auf die 2006 erfolgte Aufstellung des Gedenksteins für die Opfer des Stalinismus auf dem Friedhof in Friedrichsfelde reagiert werden sollte. Es wirft kein gutes Licht auf den Parteivorstand, dass 2020, also sieben Jahre nach der Einweihung der Gedenktafel am Karl-Liebknecht-Haus, der damalige Parteivorsitzende Bernd Riexinger (geb. 1955) auf eine während der Klimatagung in Kassel vorgetragene Aussage „...auch wenn wir das eine Prozent der Reichen erschossen haben, ist es immer noch so, dass wir heizen wollen...“ entgegnete: „Wir erschießen sie nicht, wir setzen sie schon für nützliche Arbeit ein.“[43]
Publikationen der letzten Jahre hatten zum Thema: Die Schriftsteller im Exil, die mediale Begleitung der Schauprozesse, Stalins Mannschaft und die Reisenden der Weltrevolution.[44] „Heute ist die Dimension des Terrors gegen das Volk bekannt und in Erschießungslisten dokumentiert. Doch die Forschung hierzu kommt nicht voran.“ Diese Bände liefern unkommentiertes faktologisches Material. Die Bewertung und Auslegung des Materials wird dem Leser überlassen. Darauf hatte ich vor 10 Jahren in der HIKO hingewiesen. Die Vorkriegsjahre, d.h. die Zeitspanne, in der sich der Stalinismus herausbildete, sind weitaus besser untersucht als die Nachkriegszeit bzw. der Spätstalinismus. Stalins imperiales Streben und Putins Versuche, den Grenzverlauf zu revidieren, sind zwei Seiten einer Medaille. Der Erfahrungshorizont der Nachkriegsgeneration weicht einem neuen / Zeitenwende / Der Weg zu einem neuen Russlandbild führt über die Ukraine (Karl Schlögel Jg. 1948).
Festzustellen ist eine Politisierung der Historikerdebatten. Themen wie linker Antisemitismus, die Frage, ob die nationalen Operationen des NKWD in den Jahren des Großen Terrors, der Holodomor in der Ukraine und die Ausrottung der kasachischen Eliten als Genozid gekennzeichnet werden können, gehören zu den nicht ausdiskutierten Fragen.[45]
Das Denkmal zur Mahnung und Erinnerung an die Opfer der kommunistischen Diktatur in Deutschland im Spreebogenpark in Berlin[46]
„Am 13. Dezember 2019 beschloss der Deutsche Bundestag die Errichtung eines zentralen Mahnmals für die Opfer kommunistischer Gewaltherrschaft in Deutschland. Damit sind die rechtlichen Rahmenbedingungen dafür geschaffen worden, um innerhalb der vielfältigen und dezentralen deutschen Gedenk- und Erinnerungslandschaft einen zentralen Gedenkort zu schaffen, der an die Opfer und Verfolgten der kommunistischen Diktatur in Deutschland erinnert. Bis zum 22. April 2026 können sich interessierte Büros, Künstlerinnen und Künstler sowie Architektinnen und Architekten um die Teilnahme am künstlerischen Wettbewerb bewerben. Ein Auswahlgremium wird aus den Bewerbungen die Teilnehmer des Wettbewerbs festlegen. Mitte Juni startet die Bearbeitungsphase des Wettbewerbs. Die eingereichten Entwürfe werden im Herbst 2026 von einem Preisgericht beurteilt, das aus Fach- und Sachpreisrichterinnen und -richtern besteht. Die prämierten Entwürfe werden nach Abschluss des Wettbewerbs der Öffentlichkeit vorgestellt.“[47]
Beide Daten sind nicht zufällig gewählt, die Nähe zu Stalins Geburtstag im Dezember bzw. Lenins Todestag im April ist beabsichtigt.
Zur aktuellen Entwicklung in Russland
Viele Akteure, die gegenwärtig die Sprache der Politik prägen, sind Vertreter meiner Generation. Die heute in Russland wieder aufgegriffenen Kampfbegriffe sind mir aus der offiziellen sowjetischen Parteigeschichtsschreibung bekannt. In den Jahren der Perestroika, mit dem Ende des Kalten Krieges und der Blockkonfrontation waren sie tabu. Heute haben sie wieder einen Platz in der Tagespolitik.
„Ausländische Spione“ bzw. „Agenten“, „Faschisten“ „Vaterlandsverräter“ und „Kosmopoliten“ gehören heute zum gängigen Vokabular in der RF. Aus Russland erreichen uns immer wieder Informationen über den Kampf gegen den degenerierten kollektiven Westen, der oft als Kulturkampf, als Verteidigung russischer Werte daherkommt und nicht ohne Auswirkung auf die Museumslandschaft und den Geschichtsunterricht bleibt. Zu den ebenso skurrilen wie antisemitischen Meldungen gehörte u.a. die über das in der Staatsduma debattierte Verbot des Tscheburaschka-Films 2[48]. Da die Figur jüdischen Ursprungs sei, könne sie – wie Alexander Dugin (geb. 1962), zu bedenken gibt – nicht als patriotische Alternative zu den den russischen Markt flutenden chinesischen Waren angesehen werden.
Mit dieser Begrifflichkeit – darauf haben die Kollegen der in der Russischen Föderation 2021 verbotenen Organisation „Memorial“[49] als erste hingewiesen – hängt die Ahndung/Bestrafung derartiger Abweichungen von der Norm zusammen. Hier sind an erster Stelle die Haftdauer in Straflagern und die Ermordung politischer Gegner zu nennen. Beides ist ein erneuter Ausdruck des in der Amtszeit Putins kultivierten imperialen Denkens und Strebens. Michail Gorinov, Autor und Herausgeber der Biographie und der Werkausgabe von Jemeljan Preobrashenski wies auf die im Vergleich zu den Vorjahren außerordentlich große Bedeutung der persönlichen Eigenschaften der führenden Politiker hin.
Der kürzlich verstorbene Roy Medwedew (1925-2026), Autor des vielbeachteten Buches „Das Urteil der Geschichte“ (3 Bände, Berlin Dietz 1992), hatte in einem Interview für die Zeitung „Moskowski komsomolez“, kurz vor seinem 100. Geburtstag im November 2025, u.a. auf die Wiederentdeckung Stalins durch die von Gennadi Sjuganow (geb. 1944) geführte Kommunistische Partei der Russischen Föderation hin, ohne einen Bezug zu Putins Präsidentschaften herzustellen. Er nannte – wider besseres Wissen, auf den russischen Wikipedia-Seiten ist die Demontage (Säuberung) und Errichtung der Büsten, Statuen, etc., im öffentlichen Raum dokumentiert – einen geringeren Anstieg der von Jahr zu Jahr zunehmenden Wiederaufstellung von Stalindenkmälern. In einem Punkt wich Medwedew von der offiziellen Lesart der Würdigung Stalins ab. Nicht Stalin, sondern dem Volk ist der Sieg zu verdanken. Damit knüpfte Medwedew an Chruschtschows Demontage des Feldherrenmythos in dessen Rede in der geschlossenen Sitzung des 20. Parteitages an.[50] Diese Delegitimierung, auf die im Diskussionspapier der Historischen Kommission der Partei Die Linke vom 25. Januar 2026 leider nicht eingegangen war ein zentrales Element der Kritik am Personenkult.[51]
Die imperiale Komponente
Sich mit Stalin zu beschäftigen, betonte Oleg Chlewnjuk (geb. 1959), bedeutet gegen die Mythologisierung seiner Person anzukämpfen, sich mit der Art und Weise der Führung im Staat zu beschäftigen.[52] Der Stalinismus als System darf nicht aus dem Blick geraten. Das ist die Botschaft der russischen Historiker, die sich ernsthaft mit Leben und Werk von Stalin beschäftigten.
„Neu ist, dass die Führung eines Landes ganz offen erklärt, dass die von ihr repräsentierte ‚russische Welt‘ keine Grenzen kenne. Putins Regime hat auf seine Weise aus der Geschichte gelernt, denn es hält gezielten Mord und die selektive Hinnahme von Nischen für effektiver als den willkürlich-wahllosen Massenmord der Stalinzeit“ (Schlögel, November 2024)
Was sagt Letztere über das Geschichtsbewusstsein und über die Art und Weise neuer Mythenbildung aus? Der Stalin-Renaissance ging – das sollte nicht vergessen werden – eine andere voraus. Das Troiza Tor gehört zum Ensemble des Roten Platzes, im Alexandergarten erinnert eine Stele an die Romanow-Dynastie, an den Spitzen der Kremltürme in Moskau und am Winterpalais in Petersburg sind die doppelköpfigen Adler unübersehbar. Fürst Wladimir, das Denkmal für Alexander II., den Reformator, die Erlöserkirche In der Hauptkirche der Peter und Paul Festung hat die von den Bolschewiki in Jekaterinburg ermordete Zarenfamilie seit 1998 ihre letzte Ruhestätte. Die imperiale Symbolik ist längst an die Stelle der sowjetischen getreten. Die Gebeine des Generals Anton Denikin (verstorben in den USA-1872-1947) und des von Putin verehrten Philosophen Iwan Iljin (verstorben in der Schweiz-1883-1954) wurden nach Russland überführt, die Gräber auf dem alten Donskoj-Friedhof im Beisein des vom Patriarchen gesegneten Präsidenten beigesetzt.
Die russisch-orthodoxe Kirche ist zum ideologie- und werteprägenden Faktor geworden.
Es handelt sich keineswegs, wie Roy Medwedew unterstellt, um provinzielle Vorkommnisse, um Provinzpossen, wie denn Stalin ist längst in die Großstädte zurückgekehrt.
Man begegnet ihm nicht im Verborgenen, sondern an von tausenden Bürgern täglich frequentierten Orten. Am 25. August 2009, der 130. Geburtstag Stalins stand bevor, wurde die originalgetreue Rekonstruktion der Metrostation Kurskaja abgeschlossen. In der Kuppel der Eingangshalle prangten wieder die der Hymne in der Fassung von 1943 entnommenen Zeilen mit dem Lob auf Stalin. „Stalin hat uns zur Treue zur Nation erzogen und uns zu Arbeit und großen Taten inspiriert“. Anlässlich des 90. Geburtstages der Moskauer Metro erfolgte am 14. Mai 2025 die Aufstellung der Replik des 1965 entfernten Reliefs „Das Volk preist Stalin“ zu sehen.[53]
Das alles, betonte Roy Medwedew im erwähnten Interview, sei kein Beleg für eine Rehabilitierung Stalins. Anders als im Ausland, wo Straßenumbenennungen und die Demontage von Denkmalen an der Tagesordnung ist, sei hier Gelassenheit angebracht. Das Land sei unter guter Führung auf dem richtigen (imperialen) Wege, äußert er voller Zuversicht.
Wie es in der Russischen Föderation, im postsowjetischen Russland, um die Erinnerung an Stalin steht, kann vor allem an einem Datum festgemacht werden. Am 9. Mai, dem Tag des Sieges (im Großen Vaterländischen Krieg), geht es nicht nur um die Rückbesinnung auf Stalin sondern um den Kriegs- und Kriegerkult sowie um in das von Putin in der Rede am 25. Februar 2005 beschworene Imperium.
Seit 1995 ist die Militärparade auf dem Roten Platz in Moskau wieder Bestandteil der Feierlichkeiten anlässlich des Tages des Sieges. Putin nutzt das Kriegsgedenken für seine Kriegspropaganda.
Wir wissen nicht, wie der Ukraine-Krieg endet. Was wir wissen ist, dass die Erinnerung und Einordnung dieses Krieges das Geschichtsbild unserer und der folgenden Generationen prägen wird.
2009 – Das entscheidende Jahr
Seit Mai 2009 existiert eine „Kommission zum Widerstand gegen Versuche der Falsifizierung der Geschichte zum Schaden der Interessen Russlands“.
Die im Moskauer Rosspen-Verlag seit Dezember 2008 erscheinende Reihe „Zur Geschichte des Stalinismus“, ein internationales Projekt, wurde 2024 eingestellt. Neben ausländischen Autoren die das Startprogramm bestimmten, kamen russische Autoren zu Wort. Heute ist die Reihe „Seiten der sowjetischen und russländischen Geschichte“ an ihre Stelle getreten.
Nach 2009 nahmen Aktivitäten, Stalin in den öffentlichen Raum zurückzuholen, spürbar zu. Nicht das Ende des Stalinismus gehört heute zu den zentralen Fragestellungen, sondern die nach seinen Langzeitwirkungen.
Es ist nicht verboten, Stalin zu verherrlichen. Auf seinem Grabstein an der Kremlmauer und auf dem Sockel der im Moskauer Skulpturenpark aufgestellten Statue liegen häufig rote Nelken. In der Provinz werden Denkmale errichtet, neue Museen – darunter Stalins Bunker und die Datschen eröffnet, andere Museen wie z.B. Perm 36, geschlossen. Seit 2013 erscheint eine Werkausgabe, deren 40 Bände an die Stelle der seit 1997 auf 18 Bände erweiterten Ausgabe treten sollen.
Das Interesse an Stalin, unterstreichen Soziologen, nimmt in Russland zu.[54] Seit 2006 werden regelmäßig Befragungen über die Bewertung von Stalin durchgeführt. 2015 überwog erstmals die positive Einschätzung. Bei den über 55 jährigen und in der Provinz lebenden Bürgern ist sie besonders hoch. Was in den letzten Jahren über den Geheimdienstchef Lawrentij Berija (1899-1953) gesagt wurde, er sei ein exzellenter Organisator und Manager – wird nun auf Stalin übertragen.
Doch gerade diese Interpretation wird zum Problem. Stalins Führungsstil beruhte auf Einzelleitung statt auf kollektiver Führung. Seine Bemerkungen über die Schräubchen oder die Hierarchien im Schwertträgerorden sind bekannt. Sie passen nicht ins Bild. Das Interesse an der Aufdeckung seines Führungsstils geht gegen Null. 2010 lagen die zuvor in der Zeitschrift „Istoritscheskij archiw“ publizierten Journale der Besucher in Stalins Kabinett als Buch vor. Doch der Herausgeber Anatolij Tschernobajew geht in der Vorbemerkung „Ein wertvolles Handbuch zur Geschichte der Sowjetunion“ mit keinem Wort darauf ein.
Sich mit Stalin zu beschäftigen, betont hingegen Chlewnjuk, bedeutet gegen die Mythologisierung seiner Person anzukämpfen, sich mit der Art und Weise der Führung im Staat zu beschäftigen. Der Stalinismus als System darf nicht aus dem Blick geraten. Das ist die Botschaft der russischen Historiker, die sich heute ernsthaft mit Leben und Werk von Stalin beschäftigen.
2023 belief sich die Zahl der in der RF neu errichteten Stalin-Denkmale auf insgesamt 110, 95 davon wurden seit 2012, d.h. seit Beginn der zweiten Amtszeit von Wladimir Putin, aufgestellt.
Instrumentalisierung und Umdeutung der Geschichte
Die Vereinnahmung des Marsches des Unsterblichen Regiments am Tag des Sieges hat in der Russischen Föderation eine Fortsetzung erfahren. Im März 2017 erfolgte die Grundsteinlegung, im Oktober die Einweihung der „Mauer der Trauer“ im Beisein Putins am Moskauer Gartenring. Dass dieses Datum nicht zufällig gewählt worden war, liegt auf der Hand, denn Putin wollte die Veranstaltung nutzen, um an die Opfer kommunistischer Gewaltherrschaft nach dem Oktoberumsturz 1917 zu erinnern. Er wählte diesen Ort für seinen Auftritt, da er schon immer Gedenkorte mied, die einen direkten Bezug zum Stalinschen Terror hatten.
Das wiederum korrespondiert mit der Geschichtspolitik. Eine Deklassifizierung gesperrter Archivbestände wurde immer wieder verschleppt, Sperrfristen verlängert, Akten aus den Jahren 1937 blieben auch 2012, nach 75 Jahren, weiterhin gesperrt. Die Namen der Täter wurden unter Hinweis auf das unter Jelzin angenommene Gesetz über die Rehabilitierung der Opfer politischer Repressalien verschwiegen. Im Russischen gibt es das Wort Täter nicht, die Rede ist im Regelfall von Henkern, den Vollstreckern der Todesurteile. Deren Grabsteine stehen oft unweit der Massengräber ihrer Opfer.
Putins Amtszeit von 2008 bis 2012 steht für das Ende der Archivrevolution. Russische Historiker wiesen auf die immer größer werdenden bürokratischen Hürden. Es war der Administration gelungen, eine politisch-rechtliche Bewertung der Verbrechen des Totalitarismus zu unterlaufen. Mittlerweile herrscht auch Klarheit darüber, was aus dem lange geschlossenen GULAG-Museum in Moskau werden soll.[55] „Der Moskauer Gedenkort für das stalinistische Lagersystem muss einem ‚Museum des Völkermords‘ weichen“.
Im Laufe der letzten Jahre änderte sich die Geschichtspolitik. Die historische Rolle Stalins wurde aufgewertet. Memorial wurde die Arbeit zunehmend erschwert, Historiker zu „ausländischen Agenten“ erklärt.
Seit dem 24. Februar 2022 sind sämtliche Wissenschaftskontakte nach Russland gekappt, der Zugang zu den Archiven unmöglich. Für Kommunismusforscher im Westen ist diese Entwicklung nach der Coronapause der nächste schwere Rückschlag, der die Forschungsarbeit erschwert. Ein Ausweichen ins Baltikum ist möglich, in der Ukraine sind durch russische Angriffe wertvolle Archivbestände zerstört worden.
Ein Auslaufmodell
Zu den Auslaufmodellen der deutsch-russischen Kooperation zählt die von der deutsch-russischen Historikerkommission auf den 2014 Weg gebrachte Edition „Deutschland und die Sowjetunion 1933-1941“. Der 3. Band, der die Zeit bis August 1939 zum Gegenstand hat, ist 2023 erschienen. Der 4. und letzte Band der u.a. den Pakt zum Gegenstand hat, ist in Arbeit.
Wie wichtig diese Arbeit ist, unterstreicht Sergej Slutsch (geb. 1944), Mitherausgeber der Edition in der Rezension zur im Beck-Verlag erschienen Abhandlung von Claudia Weber (geb. 1969) über den Pakt.[56]
Das Deutsche Historische Institut in Moskau ist schon lange geschlossen.
In diesem Zusammenhang sei eine, den Stellenwert der Rosa-Luxemburg-Stiftung in der deutsch-russischen Kooperation auf dem Gebiet der Geschichte betreffende Bemerkung gestattet. Viel zu spät, aber doch noch rechtzeitig ist es gelungen, im Rahmen eines Kooperationsprojektes mit dem Russländischen Staatsarchiv für sozialpolitische Geschichte (RGASPI) den kompletten, im Moskauer Archiv überlieferten Bestand Rosa-Luxemburg für die Stiftung zu beschaffen. Die Bestände von Klara Zetkin, Franz Mehring und Willi Münzenberg – es ging vorerst um die für die Stiftung wichtigen Namensträger – sollten folgen. Die Leiterin des Moskauer Büros der Rosa-Luxemburg-Stiftung Kerstin Kaiser (geb. 1960) hatte im Unterschied zu ihren Vorgängern dafür wenigstens ein Ohr. Jetzt sind diese und andere in Moskau überlieferte Akten für die Forschung nicht mehr zugänglich.
Der Putinismus als eine der Langzeitwirkung(en) des Stalinismus
William Zimmerman: Russland regieren. Von Lenin bis Putin. Die vorliegende Übersetzung des im Frühjahr erschienen Buches ist um ein im August 2015 geschriebenes „Nachwort zur deutschen Ausgabe“ (314-319) erweitert. Kein Wunder, denn Russland ist voller Überraschungen und Prognosen sind schneller veraltet als aufgeschrieben. Im Nachwort wird die im Buch ausführlich entwickelte Argumentation zusammengefasst und der optimistische Aus klang, mit dem die englische Ausgabe endete, zurückgenommen. Die Zivilgesellschaft, so lautet das Resümee, hat in Russland nicht an Einfluss gewonnen. Putin ist es gelungen, die Entwicklung zu einem „kompetitiv-autoritären System, in dem die amtierende Führung vor der Wahl nicht ruhig schlafen kann, weil der Wahlausgang letztlich offen ist“, zu stoppen.
Unter Stalin stand und fiel das sowjetische Mobilisierungssystem mit dem Terror. Nikita Chruschtschow (1894-1971) und Leonid Breschnew (1906-1982) verzichteten auf Staatsterror zugunsten der Mobilisierung und setzten stattdessen auf die Förderung von Eliten. Zimmerman versucht, diesen Wandel in „Momentaufnahmen“ festzuhalten und arbeitet heraus, das dieses Konzept scheiterte. Am Ende der Ära Breschnew hatte sich ein „eher konventionelles autoritäres politisches System“ herausgebildet.
Liest man die Ausführungen über Michail Gorbatschow (1931-2022) im sechsten Kapitel „Ungewissheit und ‚Demokratisierung‘“, entsteht der Eindruck, dass Gorbatschows Warnung, „die Geschichte rückwärts zu lesen“, von Anfang an seiner Politik zugrunde lag. Doch es war gerade der Blick zurück, auf Lenin und Chruschtschow, der es dem Generalsekretär ermöglichte, die Politik der Perestroika und Glasnost gegen die Widersacher in der KPdSU durchzusetzen. Auf diesem Weg ging kostbare Zeit verloren. Und doch war es Gorbatschow, hier ist Zimmerman zuzustimmen, der dem „Sozialdemokraten Jelzin“ die Richtung vorgab. An die Stelle des kranken und handlungsunfähigen Jelzin, der in der Bevölkerung immer mehr an Ansehen verlor, trat dann der von ihm berufene Wladimir Putin.
Der Adressat der politischen Bildung hat sich verändert. Es findet ein Generationswechsel statt. Die Vertreter der Enkel-Generation melden sich mit Fragen an die Elterngeneration zu Wort. Die vielen, in den letzten zehn Jahren erschienenen Familiengeschichten sind auch ein Ausdruck dieses Dialogs. Zu den neuen Wortmeldungen gehören der Roman des Urenkels von Albert Hotopp Pete Heuer (geb. 1967)[57] und die von Ilja Niederkirchner (geb. 1980) gestaltete, im Museum Pankow gezeigte Ausstellung über seine Großtante. „Zwischen uns die Geschichte“.[58]
[2] Wolfgang Ruge: Stalinismus – eine Sackgasse im Labyrinth der Geschichte. Berlin: Die Buchmacherei 2020. Renate Hürtgens Einleitung: Wolfgang Ruge: „Stalinismus – eine Sackgasse im Labyrinth der Geschichte“. Eine Antwort auf die Jahrhundertfrage? S. 9-37.; Wladislaw Hedeler, Rezension zu: Wolfgang Ruge „Stalinismus – eine Sackgasse im Labyrinth der Geschichte“. In: Berliner Debatte Initial 28(2017)3, S. 153-155.
[3] Wolfgang Ruge: Stalinismus. Eine Sackgasse im Labyrinth der Geschichte. Berlin: Deutscher Verlag der Wissenschaften 1990/1991.
[4] Heinz Niemann: Vorlesungen zur Geschichte des Stalinismus. Berlin: Dietz Berlin 1991.
[5] Jörg Baberowski: Der rote Terror. Die Geschichte des Stalinismus. München: DVA 2003, S. 16.
[6] Deutschlandfunk. Kalenderblatt. Heute vor 100 Jahren starb Wladimir Iljitsch Lenin. 21.01.2024, 9.05-910 https://www.deutschlandfunk.de/21-01-1924-der-russische-revolutionsfuehrer-wladimir-iljitsch-lenin-gestorben-dlf-9eb63033-100.html
[7] Wolfgang Ruge: Stalinismus. Eine Sackgasse im Labyrinth der Geschichte. Berlin: Die Buchmacherei 2020, S. 189.; Vgl. hierzu auch: Friedrich-Martin Balzer (Hrsg.) Wolfgang Ruge. Beharren, kapitulieren oder umdenken. Gesammelte Schriften 1989-1999. Berlin: Verlag am Park 2007.
[8] Wladislaw Hedeler: (Rezension) Stalin kommt an. Die Ausstellung „Der Rote Gott“. In: Berliner Debatte Initial 29(2018)3, S. 65-83.
[10] Wladislaw Hedeler, Rezension zu: Christoph Jühnke unter dem Titel „Lieber weniger, aber besser. Marxistische Stalinismuskritik im 20. Jahrhundert.“ In: Berliner Debatte Initial 28(2017)3, S. 153-155.
[11] Wladislaw Hedeler: Neue biographische und autobiographische Literatur über Stalin und seine Opponenten. In: Berliner Debatte Initial 27(2016)1, S. 141-148.
[12] Oleg Chlewnjuk: Stalin. Eine Biographie. München: Siedler 2015.
[13] Nikita Petrov: Die sowjetischen Geheimdienstmitarbeiter in Deutschland. Berlin: Metropol 2010.
[14] Neuausgabe von Wolfgang Ruge: Stalinismus – Sackgasse im Labyrinth der Geschichte. Berlin: Die Buchmacherei 2020, 192 S. In: Berliner Debatte Initial 31(2020)4, S. 150-154.
[15] Verena Moritz / Hannes Leidinger: Lenin. Die Biografie. Eine Neubewertung, Residenz Verlag, Salzburg /Wien 2023.; Wladislaw Hedeler (Rezension) Lenin – „Neubewertung“ ohne Neuwert. In: Das Blättchen. 28(13. Januar 2025) Nr. 1, S. 31-32.
[16] Wladislaw Hedeler (Rezension) Sheila Fitzpatrick: Stalins Mannschaft. In: Berliner Debatte Initial 28(2017)3, S. 156-158.
[17] Aufzeichnung des Gesprächs mit Regina Scheer und Brigitte Studer: https://www.rosalux.de/dokumentation/id/51860/reisende-und-bittere-brunnen-der-weltrevolution-1
[18] Berliner Debatte Initial. 28 Jhg., Heft 1, Rußland in Blut gewaschen. Ein Revolutionsjahr und seine Folgen in der Literatur. Zusammengestellt von Wladislaw Hedeler und Thomas Möbius.; Ein Revolutionsjahr und seine Folgen. In: Berliner Debatte Initial 28(2017)2, S. 121-136.; Ein Revolutionsjahr und seine Folgen. Teil 2. In: Berliner Debatte Initial 28(2017)4, S. 147-167.; Lenin, Stalin und Putin über Russland die Revolution. In: telegraph Nr. 133/134, 2018/2019, S. 124-132.
[19] www.zeitschrift-marxistische-erneuerung.de/de/article/3177.oktoberrevolution-periphere-revolution-leitrevolution.html.
[20] Manfred Kossok Sozialismus an der Peripherie. Späte Schriften. Herausgegeben von Jörn Schütrumpf. Berlin: Karl Dietz 2016. Vgl. hierzu: Wladislaw Hedeler: Oktoberrevolution – periphere Revolution? Leitrevolution? In: Z, 110, Juni 2017, S. 93-104.
[21] Hermann Klenner: Lenin als „Klassiker“. Recht und Unrecht von und in „Staat und Revolution“ (S. 1-23); Wolfgang Küttler: „Staat und Revolution“ im Kontext von Lenins Konzepten des Übergangs zum Sozialismus (S. 25-48). In: Wladimir Iljitsch Lenin: Der Marxismus über den Staat; Staat und Revolution. Kritische Neuausgabe mit Essays von Hermann Klenner und Wolfgang Küttler. Herausgegeben und kommentiert von Wladislaw Hedeler, Volker Külow und Manfred Neuhaus. Berlin: 8. Mai 2019.
[22] W. I. Lenin: Der Sieg der Kadetten und die Aufgaben der Arbeiterpartei. (28.3.1906) In: LW, Bd. 10, Berlin 1958, S. 241
[23] „Die proletarische Revolution und der Renegat Kautsky“ (9.11.1918), LW, Bd. 28, Berlin 1959, S. 234: „Die Diktatur ist eine sich unmittelbar auf Gewalt stützende Macht, die an keine Gesetze gebunden ist.“
[24] W. I. Lenin: Über „doppelte“ Unterordnung und Gesetzlichkeit. Für das Politbüro. (20.5.1922) In: LW, Bd. 33, Berlin 1962, S. 349-353.
[25] Peteris Stutschka: Das Problem des Klassenrechts und der Klassenjustiz [1922], in: Eugen Paschukanis, Allgemeine Rechtslehre und Marxismus. Versuch einer Kritik der juristischen Grundbegriffe. [1924], Freiburg 1991, S. 233-268, bes. S. 237.
[26] Vgl. die Belege bei Norbert Reich: Sozialismus und Zivilrecht, Frankfurt 1972, S. 121 f.
[27] Alexander Gojchbarg: Einige Bemerkungen über das Recht, in: Norbert Reich (ed.), Marxistische und sozialistische Rechtstheorie, Frankfurt 1972, S. 87 f.;
[28] W. I. Lenin: Der Marxismus über den Staat/Staat und Revolution. Kritische Neuausgabe mit Essays von Hermann Klenner und Wolfgang Küttler. Herausgegeben und kommentiert von Wladislaw Hedeler, Volker Külow und Manfred Neuhaus. Berlin: Verlag 8.Mai GmbH. 2019, 424 S.
[29] Wladislaw Hedeler (Herausgeber) Die russische Linke zwischen März und November 1917. Berlin: Karl Dietz Verlag Berlin, 2017.
[30] Wladislaw Hedeler: Die Rückkehr der Emigranten nach der Februarrevolution 1917 nach Rußland. Pankower Vorträge Heft 205, Helle Panke e.V. 2017.
[31] Wladislaw Hedeler (Hg.) Julius Martow oder: Für die Diktatur der Demokratie. Berlin: Karl Dietz Verlag Berlin. 2023.
[32] Alexander Vatlin (Hg.) Karl Radek oder: Fremder unter Seinesgleichen. Berlin: Karl Dietz Verlag, 2025.
[33] Mario Keßler (Hg.) Leo Trotzki über Antisemitismus und Faschismus. Berlin: Karl Dietz Verlag, 2025.
[34] Wladislaw Hedeler (Hg.) Josef Stalin oder: Revolution als Verbrechen. Erw. u. akt. Auflage. Berlin: Karl Dietz Verlag 2023, 160 S.; Wladislaw Hedeler (Hg.) Lenin oder: Die Revolution gegen das „Kapital“. Herausgegeben und eingeleitet von Wladislaw Hedeler. Berlin: Karl Dietz Verlag 2024, 176 S. 2. erweiterte und aktualisierte Auflage.
[35] Vergessene Kommunisten. II. Kongress der Kommunistischen Internationale 1920. Portäts – gezeichnet von Isaak Brodski. Hrsg. von Wladislaw Hedeler und Jörn Schütrumpf. Hannover: Offizin 2020; 2025.
[36] Wladislaw Hedeler: Der Gulag als Romanthema. In: Berliner Debatte Initial 29(2018)4, S. 126-130.
[37] Katalog zur Ausstellung: Wladislaw Hedeler; Inge Münz-Koenen (Hg.) „Ich kam als Gast in euer Land gereist…“ Deutsche Hitlergegner als Opfer des Stalinterrors. Familienschicksale 1933-1956. Berlin: Lukas Verlag 2013.
[38] W. Hedeler, A. Herbst, G. Kaiser und A. Volpert: Der Vergessenheit entrissen. Lebensschicksale von 253 Rußlandfahrern aus Thüringen. Landeszentrale für politische Bildung Thüringen. 2017.: Anja Schindler: Die drei Leben des Meir Schwartz. Das Schicksal meines Vaters. Leipzig: Hentrich & Hentrich 2018.
[39] Mitschnitt der Veranstaltung mit Ilko Sascha- Kowalczuk im Max-Lingner-Haus am 18. März 2026. Walter Ulbricht. Der deutsche Kommunist.
[40] Rudolf Hamburger: Zehn Jahre Lager. Als deutscher Kommunist im sowjetischen Gulag. Ein Bericht. Herausgegeben von Maik Hamburger. Berlin: Siedler 2013
[41] Sonja Friedmann-Wolf :Im roten Eis. Schicksalswege meiner Familie 1933-1958. Herausgegeben von Reinhard Müller und Ingo Way. Berlin Aufbau 2013
[42] Sergej Lochthofen: Schwarzes Eis. Der Lebensroman meines Vaters. Berlin: Rowohlt. 2012.
[44] Wladislaw Hedeler: (Rezension) Brigitte Studer: Reisende der Weltrevolution. In: Berliner Debatte Initial 32(2021)2, S. 133-137.
[45] Wladislaw Hedeler: Ein perfider Plan. Notizen zu einer unabgeschlossenen Debatte über den Holodomor in der Ukraine. In: nd Der Tag, 30. November 2022, S. 12.
[46] Denkmal zur Mahnung und Erinnerung an die Opfer der kommunistischen Diktatur in Deutschland | Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur
[47]Denkmal zur Mahnung und Erinnerung an die Opfer der kommunistischen Diktatur in Deutschland | Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur
[48] Diese Puppe passt nicht zu uns. Ein russischer Kinofilm missfällt der Obrigkeit – er ist ihr zu pazifistisch. Frankfurter Allgemeine Zeitung, 10. Februar 2026, Nr. 34, S. 13.
[49] Wladislaw Hedeler: Aushöhlung der verfassungsmäßigen Ordnung und Aufruf zum Sturz der Regierung. Das drohende Ende der Menschenrechtsorganisation Memorial. In: ZfG 70(2022)2, S. 161-165.
[50] Vgl. hierzu: Wladislaw Hedeler: Das Referat Nikita Chruščevs „Über den Personenkult und seine Folgen“ auf dem 20. Parteitag der KPdSU 1956 und seine Vorgeschichte. Betrachtungen im Lichte neuer Quellen. In: JahrBuch für Forschungen zur Geschichte der Arbeiterbewegung 2006/I, S. 4-21.
[51] Der unvollendete Abschied vom Stalinismus. Thesen der Historischen Kommission der Partei Die Linke zum 70. Jahrestag der Geheimrede N. S. Chruschtschows auf dem XX. Parteitag der KPdSU. Der unvollendete Abschied vom Stalinismus: Die Linke Historische Kommission
[52] Wladislaw Hedeler: (Rezension) Vladimir Nevezin: Stalins Reden auf den Empfängen im Kreml und im Führungszirkel. In: Berliner Debatte Initial 32(2021)1, S. 132-138.
[53] Daniel Säwert: Stalin ist wieder in. In: nd Der Tag, Donnerstag, 26. Februar 2026 Nr. 48, S. 2.
[54] 17.4.2022, Veranstaltung mit Irina Scherbakowa, Susanne Schattenberg und Katja Machotina: https://youtu.be/AqgyC52dhcw
[55] Ewgeniy Kasakow: Genozid statt Gulag. In: nd Der Tag, Donnerstag, 26. Februar 2026 Nr. 48, S. 2.
[56] Claudia Weber: Der Pakt. Stalin, Hitler und die Geschichte einer mörderischen Allianz 1939-1941. München : C.H. Beck, 219.
[57] Nenn es nicht Lüge, sag Geheimnis. Roman. Berlin: Bebra 2025. Nenn es nicht Lüge, sag Geheimnis. Der kommunistische Schriftsteller Albert Hotopp (1886-1942) – Leben und Tod im Sowjetexil. Wladislaw Hedeler im Gespräch mit Pete Heuer. 5. November 2025: https://youtube.com/live/ufohXE499vc?feature=share
[58] Annette Leo, Ilja Niederkirchner, Bernd Roder (Hg.) Zwischen uns die Geschichte. Familie Niederkirchner. Ein widerspruchsvolles Erbe. (Katalog zur Ausstellung) Museum Pankow 2026.