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Wilhelm Liebknecht (1826-1900): Krieg zeugt Krieg

Mario Hesselbarth zum 200. Geburtstag von Wilhelm Liebknecht

„Eine gebildete Jugend läßt sich nicht zu `Kanonenfutter` verarbeiten.“[1]

Am 29. März jährt sich zum 200sten mal der Geburtstag Wilhelm Liebknechts, einem Mitbegründer der deutschen und internationalen Arbeiterbewegung des 19./20. Jahrhunderts.

In Gießen geboren studierte er zwischen 1843 bis 1847 zunächst in seiner Geburtsstadt, dann in Berlin und Marburg Geisteswissenschaften. Er kam so in Kontakt mit frühsozialistischen Ideen und oppositionellen studentischen Kreisen, die die damaligen politisch-gesellschaftlichen Verhältnisse im Europa der Restauration revolutionär verändern wollten.

Mit Beginn der französischen Februarrevolution 1848 beteiligte sich Liebknecht zunächst in Paris und wenige Wochen später in Baden aktiv an den bewaffneten Kämpfen der Aufständischen sowie im Frühjahr 1849, nachdem er aufgrund seiner Aktivitäten mehrere Monate inhaftiert war, an der Reichsverfassungskampagne. Nach deren Niederschlagung durch das preußische Militär ging er zunächst in die Schweiz ins Exil. Aufgrund seines politischen Engagements innerhalb der deutschen Arbeiterbildungsvereine 1850 wegen „sozialistischer Umtriebe“ des Landes verwiesen, fand Liebknecht in London Zuflucht. Hier stand er in engem Kontakt mit Karl Marx und Friedrich Engels. 

Nach seiner Rückkehr nach Deutschland, die 1862 aufgrund einer Amnestie möglich war, trat Liebknecht dem Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein (ADAV) bei, der 1863 gegründeten ersten selbständigen politischen Partei der deutschen Arbeiterklasse unter Führung Ferdinand Lassalles.                       

Infolge grundlegender Differenzen wurde Liebknecht mit weiteren oppositionellen Mitgliedern 1865 aus dem ADAV ausgeschlossen. Im Gegensatz zur ADAV-Führung, die einen reformerischen Weg bei der Vertretung der Interessen der arbeitenden Bevölkerung verfolgen wollte, hatte er für den revolutionären Kampf und gewerkschaftliche Betätigung plädiert.   

Nachdem Liebknecht im gleichen Jahr von den preußischen Behörden aus Berlin ausgewiesen worden war, ging er nach Leipzig. Hier begann eine bis an sein Lebensende andauernde politische und persönliche Freundschaft mit August Bebel. Gemeinsam mit ihm gründete Liebknecht 1869 in Eisenach die Sozialdemokratische Arbeiterpartei (SDAP), die sich 1875 in Gotha vor allem aufgrund seines Wirkens mit dem ADAV zur Sozialistischen Arbeiterpartei Deutschlands (SAP), seit 1890 Sozialdemokratische Partei Deutschland (SPD), vereinigte. Sowohl zeitgenössisch durch Karl Marx und Friedrich Engels als auch rückblickend, insbesondere nach der Spaltung der deutschen Sozialdemokratie während des Ersten Weltkrieges, sind die von ihm bei dieser Vereinigung gemachten programmatischen Zugeständnisse an das „Lassalleanertum“ aus linker Perspektive kritisiert worden. Für Liebknecht hatte das Ende der politischen Spaltung der deutschen Arbeiterbewegung jedoch einen Wert an sich dargestellt. Der nun geeinten deutschen Sozialdemokratie gelang es, das über sie zwischen 1878 bis 1890 verhängte (Anti-)„Sozialistengesetz“[2] des Reichskanzlers Bismarck unter tatkräftiger Mitwirkung Liebknechts zu überwinden.

Gemeinsam mit dem französischen Sozialisten Édouard Vaillant, einem Mitkämpfer der Pariser Kommune von 1871, leitete Wilhelm Liebknecht am 14. Juli 1889, einhundert Jahre nach Beginn der Großen Französischen Revolution von 1789 den Internationalen Arbeiterkongress in Paris, der die II. Internationale gründete. Dieser Kongress beschloss in Erinnerung an die Opfer der gewaltsamen Niederschlagung des Arbeiter-Aufstandes in Chicago 1886, den 1. Mai als „internationalen Kampftag der Arbeiterklasse“ für den Acht-Stunden-Tag durchzuführen.

Am 7. August 1900 verstarb Wilhelm Liebknecht in Berlin. Über 150.000 Menschen nahmen am Trauerzug zu seiner Beerdigung teil oder standen in ehrendem Gedenken für den „Soldaten der Revolution“ Spalier.

Als Chefredakteur des in Berlin erscheinenden sozialdemokratischen Zentralorgans „Vorwärts“, Abgeordneter des Sächsischen Landtages, des Norddeutschen und Deutschen Reichstag, Angeklagter in Prozessen, denen er sich wegen seiner demokratischen, sozialistischen und antimilitaristischen Überzeugungen stellen musste, in Reden auf internationalen Arbeiterkongressen, SPD-Parteitagen, Wahl- und Parteiversammlungen, bei Vorträgen in Arbeiterbildungsvereinen und als Publizist hat Wilhelm Liebknecht ein geistiges Erbe hinterlassen, dass zunächst in seiner Zeit gelesen und verstanden werden muss. Es bildet jedoch für DIE LINKE. in ihrem heutigen Wirken für soziale Gerechtigkeit, Gleichberechtigung, Demokratie und eine friedliche Welt, im Kampf gegen Kapitalismus, Militarismus und Krieg durchaus wichtige Anregungen und grundlegende Denkansätze. Gelegentlich finden sich auch höchst aktuelle Bezüge. Gegen die, Ende des 19. Jahrhunderts im kaiserlichen Deutschland aufkommenden rechtsextremistischen Bewegungen gerichtet, meinte er in seiner letzten öffentlichen Rede am 28. Juli 1900 in Dresden: „Es wird jetzt von unseren Gegnern so viel von der Verrohung des politischen Tons geredet. Die Klage ist berechtigt. Nur sollten die Herren in den Spiegel sehen. Im schönen Deutschland und besonders in Sachsen, das wegen seiner Gemütlichkeit berühmt ist, haben die sogenannten Patrioten, Antisemiten, Alldeutschen einen rüpelhaften, renommistischen Ton eingeführt, der unserer Bildung keine Ehre macht.“[3]  

Für Wilhelm Liebknecht als Vertreter einer revolutionären deutschen Sozialdemokratie bildete die Beseitigung der kapitalistischen Ausbeutung und des Militarismus, in denen er die entscheidenden Ursachen der sich Ende des 19. Jahrhunderts gleichermaßen zuspitzenden internationalen Situation wie auch der innenpolitischen Reaktion im Deutschen Kaiserreich erkannte, die grundlegende Aufgabe sozialistischer Politik. „Je mehr der Kapitalismus in seiner Entwicklung mit den Interessen der Allgemeinheit in Widerspruch kommt, je mehr Gesellschaftsmitglieder er schädigt und in ihrer Existenz bedroht, desto reaktionärer muß er seiner Natur nach werden, weil er nur noch durch Gewaltmittel seinen mit dem Wohl der ungeheuren Mehrheit des Volkes unverträglichen Bestand retten kann.“[4] Nicht ökonomische Ausbeutung, koloniale Eroberungen und Krieg, sondern nur produktive Arbeiten allein bringen Reichtum und Kultur hervor, betonte Liebknecht am 28. Juli 1900 in Dresden. „Ein Land, das wirklich auf der Kulturhöhe stehen will, das muß durch Arbeit in seinem Inneren sich emporraffen. Gewalt bringt keine Kultur, kann bloß Kultur zerstören. Jeder Fortschritt einer Nation beruht im Grunde auf Arbeit im eigenen Lande. Die Arbeit vernünftig und gerecht organisieren, das ist die große Kulturaufgabe der Menschheit. Die soziale Frage läßt sich nicht exportieren.“[5]  

Zugleich verband sich für ihn der Kampf gegen die kapitalistische Herrschaft und Unterdrückung mit dem Streben nach eigener geistiger Emanzipation als Voraussetzung für einen erfolgreichen Befreiungskampf. „Wissen ist Macht. Bildung macht frei“ rief er den Mitgliedern des Dresdner Bildungsvereins am 5. Februar 1872 zu und erklärte, dass die durch Herrschaft erzeugte Unwissenheit nur dem Machterhalt der Unterdrücker dient. „Es hat noch nie eine herrschende Kaste, einen herrschenden Stand, eine herrschende Klasse gegeben, die ihr Wissen und ihre Macht zur Aufklärung, Bildung und Erziehung der Beherrschten benutzt“[6], sondern sie im Gegenteil von wirklicher Bildung abgeschnitten habe. 

„Krieg zeugt Krieg“[7] erklärte er am 1. Dezember 1892 in einer Rede im Deutschen Reichstag gegen die Aufrüstungspläne der Regierung. „Wenn jemals ein falscher, ein widersinniger Satz ausgesprochen worden ist, so ist es der alte Römerspruch (…) – um den Frieden zu sichern, bereite dich zum Kriege vor. Nein, um den Frieden zu sichern, muß man den Frieden vorbereiten. (…) Mit dem Weiterrüsten wird unter keinen Umständen etwas erreicht. Sie erreichen bloß das Dilemma: Geht es ohne Krieg fort, dann haben wir die ökonomische (…), die finanzielle Weißblutung, und kommt es zum Krieg, dann haben wir neben der ökonomischen auch die physische (…) in jedem Fall die Weißblutung, die Ausblutung der Völker.“[8] Stattdessen sei es notwendig, eine humane Moral und einen sittlichen Geist in die Politik einzuführen, für die nach seiner festen Überzeugung nur der Sozialismus stand. Der „Sozialismus will diesen Einklang zwischen Handlung und Bekenntnis, will nicht, daß man Christentum und Menschliebe im Munde führt und Krieg und Massenmord vorbereitet; er will, daß die Zivilisation, mit welcher wir prahlen, auch verwirklicht werde in dem Staat und in der Gesellschaft.“[9]  Sozialismus sollte nach den Vorstellungen Liebknechts eine „Gesellschaft der Freiheit, der Gleichheit, der Brüderlichkeit“ sein „deren höchstes Ziel es sein wird, die Arbeit so zu organisieren, daß jeder Mensch menschenwürdig leben kann, und Menschen zu wirklichen Menschen zu erziehen, die allesamt in vollem Maß ihre Fähigkeiten und Neigungen an den Errungenschaften der Kunst, Wissenschaft, überhaut der Kultur teilnehmen können.“[10] 


[1] Liebknecht, Wilhelm: Wissen ist Macht. Macht ist Wissen. Festrede gehalten zum Stiftungs-Fest des Dresdener Bildungs-Vereins am 5. Februar 1872. Berlin 1904.  S. 26.

[2] Infolge des am 19. Oktober 1878 vom Deutschen Reichstag beschlossenen Gesetzes waren die SAP und ihre lokalen Organisationen, die sozialistische Presse und Gewerkschaften verboten. 

[3] Hoffmann, Gudrun; Kuntzsch, Annett: Wilhelm Liebknecht. Gegen Militarismus und Eroberungskrieg. Aus Schriften und Reden. Berlin 1986. S. 226.

[4] Ebenda. S. 217.

[5] Ebenda. S. 223.

[6] Liebknecht: Wissen ist Macht. S. 12.

[7] Hoffmann, Kuntzsch: Wilhelm Liebknecht. Gegen Militarismus und Eroberungskrieg. S. 177.

[8] Ebenda S. 177/178.

[9] Ebenda S. S. 179.

[10] Ebenda. S. 260.