Wilhelm Liebknecht (1826-1900): Krieg zeugt Krieg
Erklärung der Historischen Kommission beim Parteivorstand der Partei Die Linke
„Eine gebildete Jugend läßt sich nicht zu `Kanonenfutter` verarbeiten.“ (Wilhelm Liebknecht)
Am 29. März jährt sich zum 200sten Mal der Geburtstag Wilhelm Liebknechts, des Mitbegründers der deutschen und internationalen Arbeiterbewegung im 19. Jahrhundert. Wilhelm Liebknecht hat ein politisches und geistiges Erbe hinterlassen, das zunächst in seiner Zeit gelesen und verstanden werden muss. Es bietet jedoch für Die Linke in ihrem heutigen Wirken für soziale Gerechtigkeit, Gleichberechtigung, Demokratie und eine friedliche Welt, im Kampf gegen Kapitalismus, Militarismus und Krieg wichtige Anregungen und grundlegende Denkansätze.
Gelegentlich finden sich auch höchst aktuelle Bezüge. Mit Blick auf die damaligen rechtskonservativen und nationalistischen Bewegungen merkte er in seiner letzten öffentlichen Rede am 28. Juli 1900 in Dresden an: „Es wird jetzt von unseren Gegnern so viel von der Verrohung des politischen Tons geredet. Die Klage ist berechtigt. Nur sollten die Herren in den Spiegel sehen. Im schönen Deutschland und besonders in Sachsen, das wegen seiner Gemütlichkeit berühmt ist, haben die sogenannten Patrioten, Antisemiten, Alldeutschen einen rüpelhaften, renommistischen Ton eingeführt, der unserer Bildung keine Ehre macht.“
Für Wilhelm Liebknecht bildete die Beseitigung der kapitalistischen Ausbeutung und des Militarismus, in denen er die entscheidenden Ursachen der sich Ende des 19. Jahrhunderts gleichermaßen zuspitzenden internationalen Situation wie auch der innenpolitischen Reaktion im Deutschen Kaiserreich erkannte, die grundlegende Aufgabe sozialistischer Politik. „Je mehr der Kapitalismus in seiner Entwicklung mit den Interessen der Allgemeinheit in Widerspruch kommt, je mehr Gesellschaftsmitglieder er schädigt und in ihrer Existenz bedroht, desto reaktionärer muß er seiner Natur nach werden, weil er nur noch durch Gewaltmittel seinen mit dem Wohl der ungeheuren Mehrheit des Volkes unverträglichen Bestand retten kann.“ Nicht ökonomische Ausbeutung, koloniale Eroberungen und Krieg, sondern nur produktive Arbeiten allein bringen Reichtum und Kultur hervor, betonte Liebknecht am 28. Juli 1900 in Dresden. „Ein Land, das wirklich auf der Kulturhöhe stehen will, das muß durch Arbeit in seinem Inneren sich emporraffen. Gewalt bringt keine Kultur, kann bloß Kultur zerstören. Jeder Fortschritt einer Nation beruht im Grunde auf Arbeit im eigenen Lande. Die Arbeit vernünftig und gerecht organisieren, das ist die große Kulturaufgabe der Menschheit. Die soziale Frage läßt sich nicht exportieren.“
Zugleich verband sich für ihn der Kampf gegen die kapitalistische Herrschaft und Unterdrückung mit dem Streben nach geistiger Emanzipation als Voraussetzung für einen erfolgreichen Befreiungskampf. „Wissen ist Macht. Bildung macht frei“, rief er den Mitgliedern des Dresdner Bildungsvereins am 5. Februar 1872 zu. Die durch Herrschaft erzeugten Unwissenheit diene nur dem Machterhalt der Unterdrücker. „Es hat noch nie eine herrschende Kaste, einen herrschenden Stand, eine herrschende Klasse gegeben, die ihr Wissen und ihre Macht zur Aufklärung, Bildung und Erziehung der Beherrschten benutzt“, so Liebknecht, sie habe sie im Gegenteil von wirklicher Bildung abgeschnitten.
„Krieg zeugt Krieg“, erklärte er am 1. Dezember 1892 in seiner Rede gegen die Aufrüstungspläne der Regierung im Deutschen Reichstag. „Wenn jemals ein falscher, ein widersinniger Satz ausgesprochen worden ist, so ist es der alte Römerspruch […] – um den Frieden zu sichern, bereite dich zum Kriege vor. Nein, um den Frieden zu sichern, muß man den Frieden vorbereiten. […] Mit dem Weiterrüsten wird unter keinen Umständen etwas erreicht. Sie erreichen bloß das Dilemma: Geht es ohne Krieg fort, dann haben wir die ökonomische […], die finanzielle Weißblutung, und kommt es zum Krieg, dann haben wir neben der ökonomischen auch die physische […] in jedem Fall die Weißblutung, die Ausblutung der Völker.“ Stattdessen sei es notwendig, eine humane Moral und einen sittlichen Geist in die Politik einzuführen, für die nach seiner festen Überzeugung nur der Sozialismus stand. Der „Sozialismus will diesen Einklang zwischen Handlung und Bekenntnis, will nicht, daß man Christentum und Menschliebe im Munde führt und Krieg und Massenmord vorbereitet; er will, daß die Zivilisation, mit welcher wir prahlen, auch verwirklicht werde in dem Staat und in der Gesellschaft.“ Sozialismus sollte nach den Vorstellungen Liebknechts eine „Gesellschaft der Freiheit, der Gleichheit, der Brüderlichkeit“ sein, „deren höchstes Ziel es sein wird, die Arbeit so zu organisieren, daß jeder Mensch menschenwürdig leben kann, und Menschen zu wirklichen Menschen zu erziehen, die allesamt in vollem Maß ihre Fähigkeiten und Neigungen an den Errungenschaften der Kunst, Wissenschaft, überhaut der Kultur teilnehmen können.“
Diese Erklärung wurde von Mario Hesselbarth erarbeitet und von der Historischen Kommission am 21. März 2026 verabschiedet.